Hiroshimatag 2022
Zum 77. Jahrestag der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki am 6. August haben sich auch in diesem Jahr wieder ca. 50 Menschen an unserem Mahnmal für die Opfer der Atombomben versammelt. Angesichts des Krieges in der Ukraine mit Russlands unverhohlener Drohung mit Atomwaffen und den massiven Waffenlieferungen aus den NATO-Staaten wächst die Gefahr eines Atomkrieges und damit das Ende der menschlichen Zivilisation. Daher begann unsere Veranstaltung in diesem Jahr um
5 vor 12
um auf die Dringlichkeit atomarer Abrüstung hinzuweisen.
Nach kurzer Begrüßung, dem Blumenlegen auf das Friedenssymbol und der Schweigeminute zum Gedenken an die Opfer, hielt Frau Bürgermeisterin Gabi Mayer für die Stadt Bonn als Mayer for Peace folgendes Grußwort:
(Es gilt das gesprochene Wort)
Lieber
Herr Nicoll,
liebe
Vertreterinnen und Vertreter der Friedensinitiative Beuel,
liebe
Friedensgruppe Beuel,
liebe
Ärzte gegen Atomkrieg,
liebe
Damen und Herren,
vielen Dank für die
Einladung, heute hier zu Ihnen zu sprechen.
Vor genau 77 Jahren ging das
erste Mal in der Geschichte der Menschheit eine Atombombe auf eine Stadt
nieder: Am 06. August 1945 um 8:15 Uhr Ortszeit wurde die Bombe „Little Boy“
auf Hiroshima abgeworfen. Drei Tage später traf eine weitere Atombombe
Nagasaki.
Allein in Hiroshima starben
mindestens 140.000 Menschen durch den Atombombenabwurf. Viele weitere
verstarben in den folgenden Jahren und Jahrzehnten in Folge der radioaktiven
Strahlung, die von den Bomben ausging. Bis heute leben die Menschen in
Hiroshima und Nagasaki mit den Folgen der Angriffe. An Opfer erinnern wir uns
heute – die Toten und die Lebenden, auch die nächsten Generationen. Die
schrecklichen Bilder von Leid und Verwüstung, Tod und Verstümmelung, haben sich
tief in das kollektive Gedächtnis der Menschheit eingegraben. Sie dürfen
niemals in Vergessenheit geraten.
Ich bin froh und dankbar,
dass in Bonn viele Menschen und Organisationen dafür eintreten, dass die
Erinnerung lebendig und der Ruf nach Frieden laut bleibt. Die Beueler
Friedensinitiative ist dabei eine wichtige Stimme.
Denn eine Welt mit Atomwaffen
wird niemals eine friedliche Welt sein. Daher setzen auch wir uns als
Bürgermeisterinnen der Stadt Bonn in der Initiative Mayors for Peace für eine
Welt ohne Atomwaffen ein. Außerdem ist die Stadt Bonn im vergangenen Jahr dem
ICAN Städteappell beigetreten. Dieser fordert die Bundesregierung dazu auf, dem
von den Vereinten Nationen verabschiedeten Vertrag zum Verbot von Atomwaffen
beizutreten.
Wie groß die Gefahr einer
atomaren Bedrohung auch heute noch ist, erleben wir gerade in diesen Tagen
durch den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine, in dem auch ganz
unverhohlen mit dem Einsatz von Atomwaffen gedroht wird.
Unter dem Eindruck der
wachsenden militärischen Eskalation warnte UN Generalsekretär Antonio Guterres
bei der Konferenz zum Vertrag zur Nichtverbreitung von Kernwaffen erst vor
wenigen Tagen:
„Heute ist die Menschheit nur
ein Missverständnis, einen Rechenfehler von der nuklearen Vernichtung
entfernt.“
“Es ist 5 vor 12!“- so lautet
der Appell des heutigen Hiroshimatages. Daher haben wir uns heute ja auch um 5
vor 12 getroffen. Auf unseren Armbanduhren und Handies mag es jetzt bereits 12
Uhr vorbei sein – aber wir alle sind getragen von der Hoffnung, dass es noch
nicht zu spät ist, das Steuer herum zu reißen und die Wende hin zu einer
Entmilitarisierung und einer vollständigen Abschaffung aller Atomwaffen zu
schaffen.
Ich danke unseren
Friedensorganisationen vor Ort – heute vor allem der Friedensinitiative Beuel -
für ihr hohes und sichtbares Engagement. Und ich wünsche mir viel
Aufmerksamkeit für unsere Orte der Erinnerung, die zum Nachdenken und zu den
richtigen Entscheidungen anregen. Denn den Frieden zu wahren ist nicht nur
Aufgabe der Politik, sondern unser aller ureigenes Anliegen.
Gewalt ist im Großen wie im
Kleinen nie die Lösung. Wir alle tragen die Verantwortung, eine friedliche und
offene Gesellschaft mitzugestalten. Indem wir das tun, setzen wir ein Zeichen.
Nicht nur heute, nicht nur zu den Bonner Friedenstagen im September, sondern
jeden Tag.
Danke, dass Sie heute hier
sind. Danke, dass Sie alle der Erinnerung Raum und dem Frieden ein Gesicht
geben!
Vielen Dank.
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Grußwort von Frau Bürgermeisterin Mayer
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Im Anschluss an das Grußwort demonstrierten die Friedensfreundinnen und -freunde durch das Beueler Zentrum, wo sie bei den Passanten viel Aufmerksamkeit erregten.
Weitere Bilder hier
Zurück am Mahnmal verlas Susanne Rohde den Text von Martin Singe (Pax Christi), der kurzzeitig verhindert war:
Liebe
Freundinnen und Freunde,
Vor 77
Jahren wurden am 6. und am 9. August 1945 die japanischen Städte Hiroshima und
Nagasaki von zwei Atombomben verwüstet, verbrannt und verstrahlt. Die Opfer
dieser Atombombenabwürfe mahnen uns, alles zu tun, dass dies nie wieder
geschieht. Wir gedenken ihrer und nehmen die Mahnung mit unserer alljährlichen
Kundgebung auf.
In
diesem Jahr sind wir in weitaus größerer Sorge als in den vergangenen
Jahrzehnten, in denen trotz der ununterbrochenen Präsenz von Atomwaffen keine
100 km entfernt in Büchel / Eifel die Möglichkeit eines Einsatzes von
Atomwaffen wenig vorstellbar schien.
Doch
die indirekte Drohung Russlands mit Atomwaffen im Kontext des Ukraine-Krieges
zeigt, wie fragil die atomare Abschreckung ist. Der Atomkrieg ist jederzeit
möglich. Weitere Eskalationen im Ukraine-Krieg auch durch Waffenlieferungen des
Westens müssen unterbleiben. Wir brauchen eine sofortige starke Initiative der
UNO und des Westens, die Kriegsparteien zu einem Waffenstillstand und
Verhandlungen zu bewegen.
ICAN
ist die Internationale Kampagne zur Ächtung von Nuklearwaffen. Im Städteappell,
dem sich die Stadt Bonn im letzten Jahr angeschlossen hat, heißt es u.a.:
„Jeder Einsatz von Atomwaffen, ob vorsätzlich oder versehentlich, würde
katastrophale, weitreichende und lang anhaltende Folgen für Mensch und Umwelt
nach sich ziehen. Daher begrüßen wir den von den Vereinten Nationen
verabschiedeten Vertrag zum Verbot von Atomwaffen (von) 2017 und fordern die
Bundesregierung zum Beitritt auf.“
Der
neue Atomwaffenverbotsvertrag (AVV) ist am 22.1. letzten Jahres in Kraft
getreten. Dieser Vertrag ist notwendig geworden, weil sich die
Atomwaffenstaaten seit über 50 Jahren weigern, der Verpflichtung zu
vollständiger nuklearer Abrüstung aus dem Nichtverbreitungsvertrag
nachzukommen. Die erste Staatenkonferenz zum AVV hat im Juni in Wien
stattgefunden. Deutschland nahm zwar beobachtend teil, betonte aber den eigenen
Nichtbeitritt zum Vertrag. Dies ist skandalös!
Hartnäckig
hält die Bundesregierung an der nuklearen Teilhabe in der NATO fest. 90 km von
Bonn entfernt lagern in Büchel in der Eifel etwa 20 Atombomben mit einer
Sprengkraft von jeweils bis zu 13 Hiroshima-Bomben. Dazu stehen in Büchel auch
Tornado-Jagdflugzege als Trägersysteme bereit, mit denen deutsche Soldaten
alljährlich den Abwurf der Atombomben üben. Im Kriegsfall sollen
Bundeswehrsoldaten die atomar-tödliche Last in die Ziele fliegen. Im Oktober
wird sich die Bundeswehr wiederum an dem Atomkriegsmanöver der NATO „Steadfast
Noon“ beteiligen.
Statt
atomar abzurüsten, will die Bundesregierung mit dem 100-Milliarden-Paket zur
Aufrüstung auch neue F-35-Atombomber anschaffen. Auch die Atombomben in Büchel
sollen durch zielgenauere und in der Endphase lenkbare Bomben ersetzt werden.
Dies senkt die Hemmschwelle für einen Einsatz. Dafür wird Büchel aktuell für
260 Millionen Euro umgebaut.
Das
Konzept der „nukleare Teilhabe“ ist in Wirklichkeit ein Konzept der „nuklearen
Gefangenschaft“ und es ist obendrein völkerrechtswidrig. Denn nach dem Nichtverbreitungsvertrag
für Nuklearwaffen darf die Bundesrepublik weder unmittelbar noch mittelbar über
Atomwaffen verfügen. Und in Büchel haben wir genau diese mittelbare – und im
Ernstfall unmittelbare - Verfügungsgewalt. Jeder Einsatz von Atomwaffen wäre völkerrechtlich
ein Verbrechen.
Der
Internationale Gerichtshof hat vor 26 Jahren in einem von der UNO angeforderten
Gutachten erklärt, dass der Einsatz dieser Waffen „generell“ völkerrechtswidrig
sei. Atomwaffen können nicht zwischen Kriegsbeteiligten und Zivilist*innen
unterscheiden, sie verursachen extreme Qualen, wirken durch die Strahlung
unbegrenzt, zerstören die Umwelt, ziehen unbeteiligte Staaten in
Mitleidenschaft und bedrohen den gesamten Planeten.
Wir
fordern den Abzug der Atombomben aus Büchel, den Ausstieg aus der nuklearen
Teilhabe in der NATO, keine neuen Atombomber F-35, und den Beitritt
Deutschlands zum AVV!
Wir
müssen stärker werden in unserem Widerstand gegen die Atomwaffen. Es geht dabei
um Aufklärung, um Druck auf die Abgeordneten und um direkten Protest und
Widerstand. Beteiligt Euch an den Aktionen in Büchel und an der
Protestdemonstration gegen das Atomkriegsmanöver in Nörvenich am 22. Oktober.
Informiert Euch über die Kampagne „Büchel ist überall – atomwaffenfrei jetzt!“
Alle Infos dazu im Netz auf der Seite atomwaffenfrei.de
Seid
Sand, nicht das Öl im Getriebe der Atombombenaufrüstung!
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Susanne Rohde
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Susanne Rohde ergänzte diesen Beitrag durch Zitate dessen, was der
UN-Generalsekretär António Guterres vor wenigen Tagen am 1. August
zum Start der Überprüfungskonferenz zum Atomwaffensperrvertrag in
New York sagte.Guterres
warnte angesichts
zahlreicher Krisen weltweit vor dem steigenden Risiko atomarer
Vernichtung. Die Welt befinde sich in einer "Zeit
nuklearer Gefahr, wie es sie seit dem Höhepunkt des Kalten Krieges
nicht mehr gegeben hat".
"Die
Menschheit läuft Gefahr, die Lehren zu vergessen, die in den
schrecklichen Feuern von Hiroshima und Nagasaki geschmiedet wurden".
Die Welt sei nur ein Missverständnis oder
eine Fehlkalkulation
von der nuklearen Vernichtung entfernt.
Die
Beseitigung von Atomwaffen sei die einzige Garantie, dass diese
niemals eingesetzt würden.
Zum Abschluss der Veranstaltung trugen einige Friedensfreunde Auszüge
aus einem Artikel im Generalanzeiger von Wolfgang Pichler am 25. Juli 2022 vor:
"Wenn 600 Meter über dem Bonner Münster eine Atombombe
explodiert, herrscht am Boden darunter eine Temperatur von 3000 bis 6000 Grad:
-
Jedes Lebewesen zwischen Heerstraße und
Zweiter Fährgasse verbrennt zu Asche.
-
Am Beueler Rheinufer schmelzen die
Steine.
-
In Poppelsdorf wird menschliche Haut zu
schwarzer Kruste.
-
In der Rheinaue verkohlen die
Baumstämme.
-
Von größeren Häusern bleiben nur jene
Wände stehen, die mit der Schmalseite zum Münster zeigen.
-
Kleinere Häuser zerdrückt die Druckwelle
aus verschiedenen Richtungen gleichzeitig.
Das war vor 77 Jahren die
Wirkung der Atombombe von Hiroshima. Heutige Modelle, meist Wasserstoffbomben, sind um ein Vielfaches stärker."
Schluss der Veranstaltung 12:55 Uhr.
Bericht des General-Anzeigers vom 7. August 2022